Eine unverhoffte Einladung

Die Flanke kam maßgeschneidert. Imke stellte sich zum Ball und schoss ihn Volley ins rechte Toreck.

„Ein Traumtor“, rief Bärbel, ihre Trainerin. Auch Imkes Mitspielerinnen johlten lautstark.

Stolz trabte Imke zum Tor und holte den Ball aus dem Netz.

Die Torhüterin Tina und Imkes beste Freundin schaute sie kopfschüttelnd an. „Ich habe doch gewusst, dass du so eine Granate im Fußball wirst!“

Imke war vor zwei Jahren mit ihren Eltern nach Winkelbach gezogen. Anfangs fühlte sie sich einsam. Sie besaß wenig Selbstbewusstsein, was vor allem an ihrer Körpergröße lag. Imke war immer die Kleinste in ihrer Altersgruppe und meistens übersah man sie. Am liebsten saß sie zuhause, las Bücher und träumte vor sich hin. In der  Schule saß sie neben Tina, die nicht gegensätzlicher sein konnte. Groß gewachsen, redselig und voller Tatendrang. Ihre Mutter spielte ebenfalls beim SV Winkelbach Fußball und Tina trat in ihre Fußstapfen. Sie entwickelte sich zu einer klasse Torhüterin. Immer wieder versuchte Tina ihre schüchterne Banknachbarin zu überreden, mit ihr ins Fußballtraining zu gehen. Nach vielen vergeblichen Versuchen stand Imke dann tatsächlich auf dem Trainingsplatz und sie hatte Spaß an diesem Sport. Bärbel erkannte sofort Imkes fußballerisches Talent und gab ihr viel Selbstbewusstsein. Auf einmal spielte die Körpergröße keine Rolle mehr. Im Gegenteil, sie war wendiger und flinker als andere Spielerinnen. Durch ihre technischen Fähigkeiten konnte sie diesen Vorteil immer besser nutzen.

Imke schaute Tina grinsend an. „Gut, dass du so hartnäckig warst«..

Tina nickte. „Das war ja auch ein hartes Stück Arbeit, dich vom Fußball zu überzeugen!“

„Hallo meine Damen“, rief Bärbel in Richtung der beiden Freundinnen. „Können wir mit dem Training weitermachen oder soll ich euch noch zwei Stühle bringen?“

„Wäre nicht schlecht“, flüsterte Tina Imke augenzwinkernd zu. „Alles klar, bin wieder bereit“, rief sie dann laut und stellte sich entschlossen zwischen die Pfosten.

Als nächste begab sich Karin, die schlaksige Spielführerin etwas zögernd in den Strafraum. Mit festem Blick beobachtete sie den Ball, den Tanja von rechts hineinflankte. Doch leider fehlte Karin das Timing beim Schuss und sie schlug ein Luftloch.

Imke blickte grinsend Tina an, die laut vor sich hin kicherte. Bärbel stemmte die Hände in die Hüften und sah die beiden streng an. „Imke! Tina!“ Schuldbewusst sahen die Freundinnen zu Boden.

„Karin versuche es gleich noch einmal!“

Karin schüttelte den Kopf. „Nee, ich mach mich doch hier nicht zum Affen!“

„Schluss jetzt“, rief Bärbel ärgerlich. „Alle zusammenkommen!“

So hart und energisch erlebten die Mädchen ihre Trainerin selten. Imke und Tina bekamen einen roten Kopf, weil beide befürchteten, dass sie für die miese Stimmung ihrer Trainerin verantwortlich waren.

Sechzehn Mädchen standen schweigend um ihre groß gewachsene, athletische Trainerin. Ihre sonst so sanften hellblauen Augen blickten streng und auf ihrer Stirn hatte sich eine Zornesfalte gebildet.

„Mädels, wir waren ein Team und das hat unseren Erfolg ausgemacht! Nur deshalb konnten wir letzte Saison gegen den TuS Neustadt gewinnen und Meister werden.“

Dieses Spiel würde keine der Beteiligten vergessen. Imke verwandelte damals in der letzten Minute einen Elfmeter zum Siegtreffer, der gleichzeitig die Meisterschaft bedeutete. Der Titelgewinn war eine Sensation. Der Sponsor der Neustädter Mädchen, Rudi Dormann, ein erfolgreicher Bauunternehmer, hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Winkelbacher Mädchen vor diesem entscheidenden Spiel abzulenken. Imke kam ihm aber, mit Hilfe ihrer Freundinnen Tina und Tanja, auf die Schliche.

„Dachtet ihr, dass ihr nach dieser Meisterschaft bereits am Ziel seid? Uns fehlt die Leichtigkeit, die Spielfreude und die Einstellung der Vorsaison!“ Einen Moment schwieg Bärbel und fuhr sich mit der Hand durch die schulterlangen dunkelblonden Haare.

„Versteht mich nicht falsch“, fuhr sie fort. „Für mich ist eine Tabelle unwichtig. Für mich zählt nur, wie viel Freude und Leidenschaft ich in euch wecken kann und wie ihr euch weiter entwickelt. Wenn ihr auf den Platz geht und bereit seid, alles zu geben,  bin ich zufrieden. Mir ist das Ergebnis egal. Aber so bringt mir das Ganze wenig Spaß!“

Die Mädchen starrten ihre Trainerin betroffen an.

„Haben wir, sind wir...haben wir dich so enttäuscht?“, stammelte Karin.

„Ich denke, ihr habt euch vor allem selbst enttäuscht.« Bärbel blickte in die Gesichter ihrer Mädchen. „Die Rückrunde liegt vor uns. Ich hoffe, ihr besinnt euch!“

„Warum hast du uns nicht eher kritisiert?“, fragte Tanja.

„Genau“, sagte Tina. „Vielleicht hätten wir den einen oder anderen Punkt mehr geholt.“

Bärbel lächelte ihre Mädchen an. „Ich bin eure Trainerin und will euch etwas beibringen. Ihr seid doch freiwillig bei mir. Wenn ihr zum Training kommt, gehe ich davon aus, dass ihr lernen wollt. Wenn ihr zum Spiel fahrt, gehe ich davon aus, dass ihr gewinnen wollt! Ich zwinge euch doch zu nichts. Entweder ich erreiche euch noch mit meiner Art oder wir werden uns trennen müssen!“

Imkes Herzschlag setzte einen Moment aus. Bärbel nicht mehr ihre Trainerin? Undenkbar!

Sechzehn Augenpaare sahen Bärbel flehend an. Die Trainerin atmete tief durch. Wie hasste sie solche Ansprachen, doch manchmal waren sie einfach notwendig.

Sie griff in ihre Hosentasche und wedelte mit einem Zettel.

„Was ist das?“, fragte Tina.

„Das ist der Grund meiner Ansprache!“ Bärbel zwinkerte den Mädchen zu.

„Etwa ein blauer Brief, weil unsere Versetzung in die nächste Saison gefährdet ist?“ Dani, die hochgeschossene Verteidigerin, blickte grinsend in die Runde.

„Nahe dran“, meinte Bärbel.

„Quatsch, oder?“, fragte Karin. „So schlecht sind wir doch auch wieder nicht.“

Die Trainerin faltete den Zettel auseinander und las ihn laut vor:

„Liebe Sportkameradin Barowski…“ – „Wer ist das denn?“ frage Andrea, die erst vor einigen Wochen zum SV Winkelbach gestoßen war.

„Mensch, das ist Bärbel“, antworteten ihr gleich mehrere Mitspielerinnen.

„Ja, woher soll ich das wissen, ich kenne Bärbel nur als Bärbel.“

Bärbel fuhr lächelnd fort: „Die C-Juniorinnenmannschaft des SV Winkelbach hat sich um die Teilnahme am Meistercup, der am Pfingstwochenende stattfindet, beworben. Da sich mehr Mannschaften angemeldet haben, als Startplätze zur Verfügung stehen, wurden die teilnehmenden Teams durch Losverfahren ermittelt. Bei der Auslosung wurde ihre Mannschaft gezogen. Wir laden Sie mit diesem Schreiben herzlich ein. Wie Sie der Ausschreibung bereits entnehmen konnten, gewinnt die Siegermannschaft ein Wochenende im Sporthotel Aachenberg. Die deutsche Frauennationalmannschaft wird zur selben Zeit ein Trainingslager dort verbringen und mit den Meistercupgewinnerinnen eine Trainingseinheit absolvieren.“

Bärbel blickte vom Zettel auf und fragte: „Na, was sagt ihr dazu?“

Einen Moment sahen die Spielerinnen Bärbel ungläubig an. Dann schrien alle durcheinander.

„Boooah, ein Training mit der Silvia Neid, der Hammer«. Lydia ballte die Faust.

„Das wäre der absolute Wahnsinn“, rief Tanja.

 „Ein Traum, mit Celia zu trainieren.« Karin grinste über das ganze Gesicht.

„Irre, von der Lira Bajramaj ein paar Tricks abschauen“, jubelte Dani.

„Zusammen mit Simone Laudehr und Kim Kulig zu spielen. Das wird endcool.« Imke sah sich mit den beiden Nationalspielerinnen den Ball zuspielen..

„Ich werde verrückt! Ein Torwarttraining mit Natze, meinem Idol.“ Tina konnte sich kaum beruhigen. Mit Natze war natürlich die deutsche Torhüterin Nadine Angerer gemeint.

„Beruhigt euch, Mädels“, rief Bärbel. „Wir sind noch nicht angemeldet!“

„Wir müssen dahin!“, flehte Tina. „Bitte, bitte, bitte!“

„Tja, aber dann müssen wir uns steigern. In der jetzigen Verfassung brauchen wir uns da nicht blicken lassen.« Bärbel hob die Schultern..

„Wir reißen uns zusammen.« Karin und sah ihre Mitspielerinnen entschlossen an.

„Ihr müsst das entscheiden! Natürlich würde ich auch gerne der Bundestrainerin beim Training über die Schulter blicken. Das wäre sin der Tat ein Traum!“

„Du sagst doch immer, wir sollen unsere Träume leben!“ Imke sah ihre Trainerin fest an: „Ich bin mir sicher, dass wir uns wieder auf unsere Stärken besinnen. Wir wollen zum Turnier und die Chance nutzen, aber“, Imke schluckte, bevor sie leise weiter sprach, „vor allem wollen wir dich nicht als Trainerin verlieren!“

Die anderen Mädchen nickten zustimmend.

„Okay Mädels“, sagte Bärbel. „Ich sage zu und ihr fragt eure Eltern, ob ihr mitfahren dürft. Der Ausflug kostet ja auch was. Wir hätten noch acht Wochen Zeit, um in Form zu kommen!“

Die Mädchen jubelten begeistert. Nur eine Spielerin schaute niedergeschlagen. Wie sollte sie das Geld für die Fahrt zusammenbekommen?