Überraschung

»Toooooor!« Jubelnd riss Imke die Hände in die Höhe. Ihre Mitspielerinnen rannten auf sie zu und es bildete sich eine jubelnde Spielerinnentraube. Mit einem sehenswerten Kopfball hatte Imke ihr Team, den SV Winkelbach, erneut in Führung gebracht.

»Aufpassen jetzt«, rief Bärbel, die taffe Trainerin, ihren Spielerinnen zu. »Ihr habt noch nicht gewonnen. Konzentriert euch noch einmal.«

Es waren nur noch wenige Augenblicke zu spielen. Die gegnerische Stürmerin tankte sich in den Strafraum. Mit letzter Kraft warf sich Karin, die Abwehrchefin und Spielführerin, in den Schuss und konnte den Ball abwehren. Kurz danach ertönte der Schlusspfiff.

Die zahlreichen Zuschauer klatschten anerkennend, während sich die Winkelbacher Mädchen erschöpft aber glücklich abklatschten.

Imke strahlte über das ganze Gesicht. Sie war körperlich kleiner als ihre Mitspielerinnen. Ihre kurzen schwarzen Haare waren wild durcheinandergeraten. Ihre Eltern, die sich fast jedes Spiel ihrer Tochter ansahen, nahmen sie in die Arme.

»Ein Sieg noch und wir sind Meister«, jubelte Imke.

»Naja«, wiegelte ihr Vater ab. »Es wird schwer, den Tabellenführer zu besiegen.«

Imke schüttelte übermütig den Kopf. »Mit der Leistung von heute werden wir auch den TUS schlagen!«

»Dem Rudi täte ich es schon gönnen, wenn sein Team zum Schluss noch abgefangen werden würde «, murmelte Imkes Vater.

»Eben Papa«, nickte Imke. »Der hat doch fest mit dem Meistertitel gerechnet.« Rudi Dormann war Bauunternehmer und der größte Arbeitgeber in der Region. Er war ein riesiger Fan des Mädchenfußballs, seit seine Zwillingstöchter, Gunhild und Elisabeth diesen Sport ausübten und unterstützte den TUS Neustadt großzügig. Dafür erwartete er auch einen entsprechenden sportlichen Erfolg. Die Mädchen spielten erfolgreich und besiegten die Gegnerinnen nach Belieben. Nur der kleine Dorfverein SV Winkelbach erwies sich als ebenbürtig. Im Gleichschritt marschierten die beiden Teams durch die Liga. Im Hinspiel trennten sie sich 2:2 Unentschieden. Bereits damals war es eine äußerst spannende und ausgeglichene Begegnung.

Plötzlich stupste jemand Imke an und sagte: »Schönes Tor, Mädchen!«

Sie drehte sich um und sah Rudi Dormann mit seinen beiden Töchtern. Er war ein gutaussehender, schlanker und drahtiger Mann.

»Guten Tag Frau Strobel, Martin«, nickte er Imkes Eltern zu. Dann wandte er sich erneut an Imke: »Eine Spielerin wie dich können wir nächstes Jahr gebrauchen«.

»Ach Vater, lass sie doch«, sagte Gunhild und sah Imke herablassend an.

Imke mochte weder Herrn Dormann noch Gunhild oder Elisabeth, die sie für hochnäsige Ziegen hielt. Aber sie bemühte sich freundlich zu sein, denn Herr Dormann war Mandant in der Anwaltskanzlei ihres Vaters. Ihm zuliebe biss sie sich auf die Lippen und lächelte. »Danke Herr Dormann. Aber ich möchte mit meinen Freundinnen weiterspielen.«

»Aber du solltest dein Talent nicht so verschleudern. Man muss zusehen, dass man im Leben weiterkommt. Dieser kleine Verein wird dich nicht weiterbringen.«

»Mir gefällt es hier und wir können nächste Woche Meister werden.«.

Die drei Dormanns lachten laut. »Euer Sieg heute hat uns echt Angst gemacht«, lästerte Elisabeth und ließ ihre Hände und Knie erzittern.

»Ihr seid doch keine Meistermannschaft?« höhnte Gunhild. »Man muss sich doch nur eure Trikots ansehen.« Abschätzend musterte sie Imke. »Die sind doch bestimmt hundert Jahre alt.«

Imke fühlte sich auf einmal unwohl. Sie sah an sich herunter und musste zugeben, dass Gunhild nicht Unrecht hatte. Der Trikotsatz war lange nicht mehr vollständig.

Großmütig klopfte Herr Dormann ihr auf die Schulter. »Zu einer klasse Spielerin gehört auch der beste Verein. Bei uns spielst du in den neusten Trikots, bekommst einen Trainingsanzug, Ausgehanzug, jede Saison ein paar Fußballschuhe und ein einwöchiges Trainingslager gesponsert. Im August fliegen wir nach Kreta und nehmen an einem internationalen Turnier teil. Da muss es doch jeder talentierten Fußballerin in den Füßen kribbeln. Gib dir einen Stoß, Imke.«

Ihre Eltern hatten schweigend zugehört und Imke spürte, wie ihre Mutter den Arm um sie legte.

Es hörte sich alles verlockend und toll an. Aber sie spielte doch so gerne in ihrem Verein und war von ihrer Trainerin begeistert.

Sie erinnerte sich noch gut an ihren ersten Trainingstag. Einige Wochen zuvor war die Familie Strobel nach Winkelbach gezogen. Am Anfang fühlte sich Imke einsam. Sie war Einzelkind, immer die Kleine und schüchtern. Am liebsten vergrub sie sich zuhause in ihren Büchern, hörte Musik und träumte vor sich hin. In ihrer neuen Klasse saß sie neben Tina, großgewachsen, voller Tatendrang, redselig und mitreißend. Sie überredete Imke, mit ihr zum Fußballtraining zu gehen. Tina war die Torhüterin des SV Winkelbach. Zunächst erfand Imke immer eine Ausrede. Doch Tina war hartnäckig und irgendwann stand Imke tatsächlich auf dem Fußballplatz. Sie war überrascht, wie viele Mitschülerinnen sie dort traf. Anfangs trainierte Imke sehr gehemmt, doch alle motivierten sie, dabei zu bleiben. Aber es war vor allem die Trainerin Bärbel, die Imke überzeugte, dass der Fußball und sie zusammengehörten. Bärbel sah sofort, welches Talent in ihr schlummerte. Mit viel Geduld gab sie der kleinen Spielerin immer mehr Selbstbewusstsein. In den ersten Spielen traute sie sich noch nicht viel zu. Doch bald merkte Imke, dass ihre Körpergröße ein Vorteil war. Sie bewegte sich flinker und trickreicher als ihre Gegenspielerinnen. Mit jeder neuen Begegnung stieg das Selbstvertrauen. Inzwischen zählte Imke längst zu den Leistungsträgerinnen ihrer Mannschaft. Sie schoss nicht nur entscheidende Tore, sondern bereitete auch viele Aktionen für ihre Mitspielerinnen vor. Imke war technisch begabt, besaß ein großes Kämpferherz und liebte den Fußball. Auch außerhalb des Fußballplatzes wurde sie aufgeschlossener und unternehmenslustiger. Mit Tina verband sie inzwischen eine tiefe Freundschaft.

Plötzlich riss Bärbels Stimme Imke aus ihren Gedanken. Die athletische Trainerin rief ihre Spielerinnen zusammen.

»Ich habe eine tolle Nachricht für euch«, sagte sie und blickte lächelnd in die Runde.

Erwartungsvoll sahen die Mädchen ihre Trainerin an. Auch die Eltern waren inzwischen näher getreten.

Bärbel grinste und ihre Spielerinnen wurden ungeduldig.

»Sag endlich, was los ist?«, rief Tina.

»Also, eure Eltern, der Vorstand und sonstige Gönner haben Geld gesammelt…«. Die Mädchen lauschten atemlos.

»Wir haben…«, die Trainerin deutete mit einer Handbewegung in Richtung der Kabine. Karin, die Abwehrchefin und Mannschaftsführerin trat in einem blauschwarzen Trikot heraus.

»… einen neuen Trikotsatz«, vollendete Bärbel.

Ein Aufschrei der Freude ging durch die Reihen. Die Mädchen rannten auf Karin zu, strichen über das Trikot, umarmten sich, ihre Eltern und die Trainerin. Alle redeten durcheinander.

Imke blickte sich um und sah triumphierend Herrn Dormann und seine zwei Töchter an. Sie unterdrückte das Verlangen, ihnen die Zunge herauszustrecken.

»Nächste Woche weihen wir die Trikots ein und nehmen uns vor, damit Meister zu werden«, sagte Bärbel.

»Jaaa«, »Juchu«, riefen die Winkelbacher Spielerinnen überschwänglich..

»Können wir nicht alle ein Trikot mit nach Hause nehmen.« Tanja, die Mittelfeldregisseurin, sah mit ihren rehbraunen Augen ihre Trainerin flehend an.

Doch Bärbel schüttelte lächelnd den Kopf. »Nachher vergesst ihr es zuhause! Nein, nein. Wir legen sie zurück in den Koffer und verschließen sie in unserer Kammer.«

Lauter glückliche Mädchen gingen an diesem Tage nach Hause. Niemand konnte ahnen, dass diese Freude nicht lange anhalten sollte.

 


Ein gemeiner Diebstahl


Als Imke, Tina und Tanja am Montagnachmittag mit ihren Fahrrädern auf den Sportplatz einbogen, sahen sie einen Polizeiwagen auf dem Gelände stehen.

Die drei Freundinnen bremsten und stiegen von ihren Fahrrädern ab.

»Was macht die Polizei hier«. Tina sah ihre Freundinnen erstaunt an.

»Vielleicht suchen sie dich«, sagte Imke grinsend.

»Na klar. Ich bin eine ganz Gefährliche. Ihr solltet euch vor mir in acht nehmen«. Tinas Stimme wurde immer tiefer.

»Hör auf, ich bekomme ja Angst vor dir«. Tanja schüttelte den Kopf, doch dann begannen alle drei, gleichzeitig an zu kichern.

Sie liefen die letzten Meter zum Fahrradstand, sperrten ihre Räder ab und gingen mit ihren Sporttaschen zur Kabine.

Dort standen Willi Janssen, der Vorsitzende des Vereins, Leo Gehrlich der Platzwart, Bärbel und zwei Polizisten. Alle fünf schauten ratlos in das kleine Gerätehäuschen, in dem auch die Kammer mit den Trainingsgeräten und Trikots für die Spielerinnen war.

»Bärbel, was ist passiert?«, fragte Imke.

Fünf Blicke richteten sich auf die Mädchen.

»Ach ihr. Ist schon so weit. Nun, ja, ähm…«, stammelte die Trainerin.

Leo Gehrlich starrte betroffen vor sich hin und die beiden Polizeibeamten sahen interessiert von einem zum anderen.

Willi Janssen räusperte sich einige Male. Dann hockte er sich hin und legte die Arme um die drei Mädchen.

»Tja, das ist eine merkwürdige Sache.« Wieder räusperte er sich

Ein flaues Gefühl breitete sich in Imkes Magen aus.

»Stellt euch vor, Eure neuen Trikots sind gestohlen worden.«

Imke erstarrte. »Nein, das kann doch nicht sein«.

»Doch, es ist so«, sagte Bärbel und kratzte sich am Kopf.

»Sie sind wirklich weg?« Tinas Stimme zitterte.

Tanja stampfte mit dem Fuß und ballte die Fäuste: »Wie konnte das passieren? Sie waren doch eingeschlossen!«

»Der Dieb oder die Diebe sind wohl nachts gekommen, haben die Türen aufgebrochen und tatsächlich nur diesen einen Trikotkoffer mitgenommen«, erklärte einer der Polizisten.

»Warum unsere neuen Trikots?« Tina lief die Tränen über das Gesicht. »Das ist so gemein!«

Imke legte den Arm um ihre Freundin. Es fiel ihr schwer, Tina zu trösten, denn sie fühlte sich auch hilflos.

»Eigentlich kann doch niemand etwas mit den Trikots anfangen, denn sie sind doch mit unserem Vereinsnamen beflockt.« Bärbel sah fragend in die Runde.

»Interessant«, sagte einer der Polizisten. »Das schränkt den Täterkreis ein.«

Imke sah plötzlich die Dormanns vor sich und hörte sich sagen: »Für die Täter war es vielleicht uninteressant, ob der Vereinsname hinten draufsteht oder nicht. Kann doch sein, dass sie unser Team mit diesem Diebstahl nur durcheinander bringen wollten.«

Alle starrten Imke überrascht an. »Hast du einen Verdacht?«, fragte Willy Jansen.

Imke kaute auf ihrer Unterlippe. Diese Vermutung konnte sie doch unmöglich äußern. »Nein, es ist nur so ein Gedanke«, sagte sie deshalb und nahm ihren Arm von Tinas Schulter. »Am Samstag bekamen ja genügend Leute mit, dass wir Trikots bekommen haben. Der neue Trikotsatz bedeutete eine zusätzliche Motivation in Hinblick auf das entscheidende Meisterschaftsspiel. Und nun das.« Imke blickte zum Boden, damit niemand ihre Tränen sah.